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Wenn man heute eine Hautarztpraxis zur Vorsorgeuntersuchung besucht, ist man mit einer großen Auswahl an Hautkrebsvorsorge Untersuchungsmethoden konfrontiert. Von der „altmodischen“ Untersuchung mit dem bloßen Auge, über KI gestützte Analyse von digitalen Ganzkörperaufnahmen bis zur elektrischen Impedanzmessung ist alles dabei. Da stellt man sich als Patient bzw. als gesunder Klient der Hautarztpraxis automatisch die Frage: Welche Methode soll ich auswählen, was ist ausreichend, was wäre optimal und nicht zuletzt, was kostet mich das?
Dieser Artikel soll hier eine kleine Orientierungshilfe geben.
Falls Sie zur Einstimmung ihr Wissen über Hautkrebs kurz auffrischen möchten oder Infos über den generellen Ablauf der Hautkrebsvorsorgeuntersuchung brauchen, dann klicken Sie die blauen Links an.
Welche Ziele verfolgt die Hautkrebsvorgeuntersuchung?
Lassen Sie uns kurz rekapitulieren, warum Deutschland 2008, als erstes Land weltweit, ein systematisches, bevölkerungsweites Früherkennungsprogramm für Hautkrebs als Regelleistung der Krankenversicherung etabliert hat.
Diese Hautkrebsvorsorge verfolgt das Ziel, bösartige Hautveränderungen in einem Stadium zu entdecken, in dem sie noch lokal begrenzt und damit meist vollständig heilbar sind. Wichtige Ziele sind:
- Das rechtzeitige Erkennen von Melanomen mit geringer Tumordicke. Dies verbessert die Überlebenschance immens. So liegt die 5-Jahres Überlebenswahrscheinlichkeit bei frühzeitiger Erkennung bei 99 % und sinkt in späten Stadien auf 60 % oder weniger (Gershenwald et al 2017).
- Das rechtzeitige Erkennen von Vorstufen des weißen Hautkrebs (z. B. Aktinische Keratosen) verhindert deren Metastasierung.
- Die Vermeidung von invasiver Therapien. Die Früherkennung senkt die Notwendigkeit für belastende Chemo-/Immuntherapie oder große operative Eingriffe.
Ist die Hautkrebsvorsorgeuntersuchung erfolgreich?
Obwohl das Hautkrebsscreening seit Jahren praktiziert wird, steht es in der Kritik. Der erhoffte Rückgang der Sterblichkeit (Mortalität) am malignen Melanom hat sich in bevölkerungsweiten Studien bisher nicht gezeigt (Boniol et al 2015).
Dabei zeigte das vorangegangene Pilotprojekt (Screen-Projekt 2003/2004) in Schleswig-Holstein (Breitbart et al 2012) einen beeindruckenden Rückgang der Mortalität innerhalb weniger Jahre um ca. 50 %.
Eine weitere retrospektive Analyse von 1,4 Mio. Versicherten der AOK PLUS aus dem Jahr 2022 zeigte, dass Screening-Teilnehmer ein signifikant geringeres Risiko hatten, an einem Melanom zu sterben, als Nicht-Teilnehmer. Die Teilnehmer hatten seltener Metastasen (4,2 % vs. 13,5 %) und benötigten seltener eine Systemtherapie (11,6 % vs. 21,8 %) (Datzmann et al 2022).
Die Experten diskutieren verschiedene Gründe, warum man bisher auf bundesweiter Ebene noch keinen Rückgang in der Mortalität zeigen konnte. Unter anderem wird die lückenhafte Dokumentation (keine flächendeckende Kopplung von Screening- und Krebsregisterdaten) als mögliche Ursache angeführt. Ich werde in einem zukünftigen Beitrag auf weitere Argumente eingehen.
Fazit zum Erfolg der Hautkrebsvorsorgeuntersuchung
Während der statistische Beweis für die gesamte Bevölkerung schwierig zu führen ist, zeigen individuelle Patientendaten (Kohortenstudien) sehr deutlich, dass Teilnehmer von weniger schweren Verläufen und einer höheren Überlebenschance profitieren.
Wichtige Kenngrößen zur Beurteilung zur Treffsicherheit einer diagnostischen Methode
Da wir bei der Hautkrebsvorsorgeuntersuchung die Wahl zwischen verschiedenen Methoden haben, brauchen wir Auswahlkriterien um unsere Wahl zu treffen. Alle Methoden sind schmerzfrei, ohne Infektionsgefahr und mit geringem zeitlichen Aufwand durchzuführen. Der finanzielle Aspekt ist wichtig, aber nicht unbedingt der ausschlaggebende Faktor. Wichtig ist dagegen die Treffsicherheit der Methode.
Die Sensitivität und die Spezifität sind 2 wichtige Kenngrößen zur Beurteilung der Treffsicherheit einer Untersuchungsmethode. Man kann sie sich vereinfacht als die „Richtig-Gefunden-Rate“ und die „Richtig-Ausgeschlossen-Rate“ vorstellen.
Die Sensitivität gibt an, wie gut ein Test darin ist, tatsächlich Kranke auch als krank zu erkennen (die „Echt-Positiv-Rate“). Eine hohe Sensitivität bedeutet es werden nur wenige Kranke übersehen (wenig „falsch-negative“ Ergebnisse).
Die Spezifität gibt an, wie gut ein Test darin ist, Gesunde auch als gesund zu erkennen. Hohe Spezifität bedeutet es gibt kaum Fehlalarme (wenig „falsch-positive“ Ergebnisse). Es werden keine unnötigen Gewebeproben entnommen.
Auch das Hautkrebsscreening kann Nebenwirkungen aufweisen
Nebenwirkung 1 ist der falsch-positiver Test. Ein verdächtiges Muttermal wird operativ entfernt und im nachhinein stellt sich heraus, dass es keine bösartige Veränderung war. In diesem Fall hat man eine unnötige (kleine) OP über sich ergehen lassen, ist das Risiko von Komplikationen eingegangen und muss mit einer Narbe rechnen. Schwerer wiegt, dass man sich u. U. bis zum Eintreffen des histologischen Befundes große Sorgen gemacht.
Nebenwirkung 2 ist der falsch negative Test. Trotz der Untersuchung wird ein Tumor nicht erkannt. Wie immer im Leben gibt es keine 100-prozentige Sicherheit.
Welche Methoden der Hautkrebsvorsorgeuntersuchung gibt es?
Nachdem wir uns mit dem Für und Wider des Hautkrebsscreenings beschäftigt haben beleuchten wir nun die einzelen Methoden näher.
Die Do-It-Yourself Methode für zuhause
Jeder Laie kann und soll seine Muttermale in regelmäßigen Abständen gemäß der ABCDE-Regel untersuchen. Dies ist mit geringem Aufwand jederzeit möglich, man braucht keine Gerätschaften, es kostet nix und für die unzugänglichen Körperstellen kann man seinen Partner um Hilfe bitten. Die Falsch-Positiven Rate (sieht komisch aus, ist aber harmlos) ist vermutlich hoch. Haben sie verdächtige Muttermale identifiziert, fragen sie ihren Arzt…..
Die ABCDE-Regel ist das bekannteste Werkzeug zur Früherkennung des Melanoms. Da sie überwiegend durch Laien durchgeführt wird produziert sie sehr viele falsch-positive Ergebnisse, deren Zahl aber durch eine nachfolgenden Kontrolle durch den Hautarzt stark reduziert werden kann. Für eine genauere Diskussion zur Treffsicherheit der ABCDE-Methode lesen Sie bitte dort nach.
Fazit: Für Laien bleibt die ABCDE-Regel ein wertvolles Warnsystem, sollte aber immer durch das „Hässliche Entlein“-Prinzip (welches Mal passt nicht zu den anderen?) und den Check durch den Dermatologen ergänzt werden.
Die visuelle Inspektion bei Arzt
Dies ist die Inspektion des gesamten Körpers ((inklusive behaarter Kopfhaut, Schleimhäute und Falten) mit dem bloßem Auge, ohne weitere Hilfsmittel. Auch der Arzt wendet die ABCDE-Methode zur Klassifizierung der Muttermale an. Die Treffsicherheit (Sensitivität) der Dermatologen liegt bei ca. 76 %. Die Spezifität bei ca 75 % (Dinnes et al. Cochrane 2018). Bei weniger erfahrenen Hausärzten ist die Treffsicherheit geringer.
Alle gesetzlichen Krankenkassen bezahlen diese Leistung ab einem Alter von 35 Jahren alle 2 Jahre. Viele Krankenkassen übernehmen das Screening auch schon vor dem 35 Lebensjahr als freiwillige Zusatzleistung. Fragen Sie bei ihrer Krankenkasse nach!
Eine weitere Kassenleistung ist die Anamnese (die Erhebung der Krankengeschichte ) und die Frage nach Risikofaktoren. Berichten Sie ihrem Arzt von der Anzahl der Sonnenbrände in ihrer Kindheit bzw. dem Vorkommen von Hautkrebs bei ihren Verwandten 1. Grades (Eltern, Kinder, Geschwister).
Natürlich berät Sie ihr Arzt auch gerne über den Sonnenschutz (oder informieren Sie sich hier ausführlich auf meinem Blog) und zur Selbstuntersuchung.
Auflichtmikroskopie (Manuelle Dermatoskopie)
Die Untersuchung der auffälligen Stellen erfolgt mit einer Art Lupe mit eigener Beleuchtung. Durch Polarisation oder Kontaktflüssigkeit werden Reflexionen der Hautoberfläche minimiert, was tiefere Einblicke ermöglicht. Das Dermatoskop steigert die Sensitivität auf etwa 85–90 %. Eine Meta-Analyse (Kittler et al 2002) zeigte eine signifikante Überlegenheit gegenüber dem bloßen Auge.
Die Untersuchung mit der Lupe ist seit einigen Jahren fester Bestandteil der gesetzlichen Vorsorge.
Digitale Videodokumentation
Auffällige Muttermale werden mit einer hochauflösende Mikrokamera fotografiert. Die Bilder werden digital gespeichert und bei der nächsten Untersuchung pixelgenau verglichen. Veränderungen in der Struktur, die dem menschlichen Auge entgehen, werden durch Vorher-Nachher-Vergleiche sichtbar.
Die Treffsicherheit ist sehr hoch (> 90 % für Melanome im Frühstadium). Diese Methode reduziert die Anzahl unnötiger Biopsien um bis zu 70 %, da stabile Muttermale belassen werden können (Dinnes et al. 2018)
Dies ist eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Die Privatrechung beläuft sich ca. auf 60 € bis 100 €
Elektrische Impedanzspektroskopie (EIS):
Die Elektrische Impedanzspektroskopie (EIS) misst den elektrischen Widerstand (Impedanz) des Gewebes. Ein kleiner Messkopf mit Mikroelektroden wird auf das Muttermal aufgesetzt. Es werden schwache Wechselströme verschiedener Frequenz in unterschiedliche Hauttiefen Haut geschickt. Ein Algorithmus wertet die Abweichungen im Vergleich zu gesunder Haut aus und liefert einen Score von 0 bis 10. Ein Score ab 4 gilt als verdächtig.
Die Methode zeichnet sich durch eine extrem hohe Sicherheit beim Ausschluss von Melanomen aus, ist aber weniger gut darin, harmlose Male als solche zu bestätigen (viele „Fehlalarme“). Die Sensitivität liegt 97 % und die Spezifität bei 34 %. Dies heißt, wenn diese Methode feststellt, dies ist kein Melanom, ist es ziemlich sicher (97%) kein Melanom. Aber leider produziert die EIS viele falsch positive Ergebnisse indem sie viele atypische, aber harmlose Muttermal, als verdächtig ausweist (Malvehy et al, 2014). Dies kann zu unnötigen Biopsien führen.
Die EIS ist in Deutschland aktuell keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen und kostet in der Regel zwischen 50 € und 100 € pro Sitzung, oft abhängig von der Anzahl der gemessenen Muttermale.
Ganzkörperfotografie (Automated Total Body Mapping):
Ein Kamerasystem erstellt im Stehen Ganzkörperfotos aus mehreren Perspektiven. Eine KI vergleicht die Bilder bei Folgebesuchen und markiert automatisch neue und veränderte Hautmerkmale. Sie ist zur Zeit der Goldstandard für Patienten mit vielen Muttermalen. Die Methode ist besonders stark darin, frühe Melanome zu finden, die noch keine klassischen Kriterien erfüllen, sich aber verändern. Die Sensitivität liegt in Studien zwischen 88 % und 96 %. Die Spezifität liegt bei ca. 75 % bis 90 % (Haenssle et al. 2018) Es werden also deutlich weniger falsch positive Ergebnisse produziert als bei der EIS.
Die Kombination aus Ganzkörperfoto und digitaler Dermatoskopie erreicht in Studien eine diagnostische Genauigkeit (Acurracy ist der Durchschnitt von Sensitivität und Spezifität) von über 95 %. Dh, das Melanom wird als Melanom erkannt und harmlose Muttermal als harmlos erklärt, beides nahezu fehlerfrei.
Diese Untersuchung ist privat zu bezahlen mit ca 120 € bis 200 € je nach Aufwand und System.
Konfokale Lasermikroskopie (KLM)
Die Konfokale Laser-Scan-Mikroskopie (KLM) ist derzeit das „High-End-Tool“ der nicht-invasiven Hautdiagnostik. Man nennt sie oft auch die „optische Biopsie“, weil sie Bilder liefert, die fast so detailliert sind wie ein echter Gewebeschnitt unter dem Mikroskop, ohne dass das Skalpell angesetzt werden muss.
Im Gegensatz zum Dermatoskop, das nur die Oberfläche beleuchtet, nutzt die KLM einen schwachen Laserstrahl (meist Infrarot), der die Haut punktweise abtastet. Das zurückgestreute Licht wird durch eine winzige Lochblende gefiltert. Diese Blende lässt nur Licht aus einer exakt definierten Fokusebene durch. So kann man die Haut Schicht für Schicht analysieren.
Die KLM ist das präziseste Instrument, um unnötige Operationen im Gesicht oder an kosmetisch kritischen Stellen zu vermeiden. Ihre Stärke liegt vor allem in der extrem hohen Spezifität von 90-95 %. Die Sensitivität liegt ebenfalls bei 92-95 % (Edwards et al 2016). Somit ist die KLM fast so sicher wie ein Pathologe.
Die KLM ist eine sehr teure Technologie. Eine Untersuchung pro Muttermal kostet als IGeL-Leistung meist zwischen 150 € und 250 €.
Fazit des Methodenvergleichs
Eine moderne Hautkrebsvorsorge ist kein „Einheitsmodell“. Je nach dem persönlichen Risikoprofil (Anzahl der Muttermale, Vorerkrankungen, Alter) machen unterschiedliche Kombinationen Sinn.
- Die Dermatoskopie ist die kostengünstige Basisversorgung durch die Krankenkasse. Sie bleibt die wichtigste Waffe im Alltag des Hautarztes. Ihre Treffsicherheit ist stark von der Erfahrung des Arztes abhängig.
- Die elektrische Impedanzspektroskopie ist sehr sicher im Ausschluss, produziert aber viele Fehlalarme.
- Die digitale Videodokumentation und die Ganzkörperfotografie sind beide in der Lage frühe, noch untypische Melanome zu erkennen. Außerdem bringen sie den Faktor Zeit in die Untersuchung ein, indem sie die Entwicklung der Muttermale dokumentieren.
- Die Ganzkörperfotografie eignet sich besonders gut, wenn man viele Muttermale im Blick behalten muss.
- Die Konfokale Lasermikroskopie das beste Skalpell-Ersatz-Tool, wenn ein einzelnes Muttermal im Gesicht sehr verdächtig aussieht und es darum geht Narben aufgrund von einem Fehlalarm zu vermeiden.
- Die ABCDE-Regel schärft die Aufmerksamkeit für unsere Haut zuhause.



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